Alles perfekt?
Vor kurzem ist mir in der Abteikirche in St. Ottilien ein Andachtsbild aus dem 15. Jahrhundert begegnet. Es zeigt den lebendigen Christus, der als Schmerzensmann die Wunden der Kreuzigung trägt. Vor allem im 15. und 16. Jahrhundert dienten Andachtsbilder dazu mit Jesus in eine Beziehung zu treten. In der Betrachtung der Figur sind mir folgende Gedanken gekommen:
Nach außen hin perfekt
Wenn ich in Gesprächen Menschen Frage, wie es ihnen geht, dann kommt schnell: „Gut, danke und dir?“ Erst im Laufe des Dialogs und nach einigem Nachfragen wird deutlich, dass es meinem Gegenüber gar nicht so gut geht. In den sozialen Medien begegnet uns ein ähnliches Phänomen: Mit dem richtigen Filter, kannst du fast jedes Bild perfekt erscheinen lassen. Hautunreinheiten werden beseitigt, der Hintergrund mit KI getauscht und störende Elemente gelöscht. Nach außen hin möchten wir perfekt und makellos erscheinen.
Innerlich verletzt
Während ich diese Figur in St. Ottilien betrachtet habe, ist mir bewusst geworden, dass wir nach außen hin noch so perfekt sein können, im Inneren trägt jede und jeder von uns die Verletzungen seines Lebens mit sich herum. Es sind beim einen die kleinen Sätze, die eine Freundschaft beschädigen. Andere wurden von ihren Eltern nicht gesehen oder ausreichend wertgeschätzt. Wieder andere haben gegeben, was sie konnten und es war nicht genug.
Vom Innersten geheilt
Der Blick auf diese Christusfigur hat mir deutlich gemacht, dass wir auf unsere Verletzungen schauen dürfen. Wir dürfen sie begreifen und zur rechten Zeit mit Jesus und anderen darüber ins Gespräch kommen. Die Verletzungen unseres Lebens sind Pforten des Heils. Sie machen uns deutlich, dass nicht alles perfekt und glatt läuft. Sie öffnen uns für das Leid der anderen und machen uns sensibler für den Umgang miteinander. Auf dem Weg der Heilung dürfen wir darauf vertrauen, dass unser innerster Kern bei allem unbeschadet bleibt. Hier begegnet uns Christus. In seinen Wunden finden wir unsere Verletzungen wieder. Durch seine Wunden sind wir geheilt.