Selbstverwirklichung – ist das biblisch?
Selbstverwirklichung und biblische Botschaft – hier gibt es eine gewisse Spannung…
In Ratgeber und Coachingangeboten taucht ein Begriff oft auf: Selbstverwirklichung. Erkunden, was ich wirklich möchte und danach zu handeln – dafür gibt es eine Fülle an Tipps. Auch in der wissenschaftlichen Psychologie findet dieses Thema einen Niederschlag, so z. B. an der Spitze der Bedürfnispyramide des Sozialpsychologen Abraham Maslow. So sehr diese Theorien wichtige Aspekte aufgreifen, stelle ich mir doch die Frage: Möchte ich in einer Welt leben, in der sich jeder nur selbstverwirklicht?
Ein Blick in die Bibel
Die Bibel wirft einen anderen Blick auf den Menschen. Einerseits sind wir aufgerufen, die von Gott geschenkten Gaben einzusetzen, wie z. B. das Gleichnis von den anvertrauten Talenten zeigt (vgl. Mt 25,14-30). Doch macht andererseits Paulus im ersten Korintherbrief deutlich, dass diese Gaben nicht in erster Linie für mich gedacht sind, sondern: „Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt.“ (1 Kor 12,7) Dies stellt an uns die Frage: Setze ich meine Gaben für andere ein oder verwende ich sie, damit ich in einem guten Licht dastehe?
Selbsthingabe
Wenn wir auf die Person Jesus schauen, wird das Ganze noch deutlicher. Statt Selbstverwirklichung spricht Jesus davon, sich selbst zu verleugnen (vgl. Lk 9,23) und nicht sich, sondern das Reich Gottes in den Mittelpunkt zu stellen (vgl. Lk 12,31) Schauen wir auf sein Lebensbeispiel bis zum Tod, rückt statt Selbstverwirklichung ein anderes Wort ins Zentrum, nämlich Selbsthingabe.
Aber was heißt das für mich? Werde ich nicht ausgenutzt, gehe ich nicht „kaputt“, wenn ich nicht auf mich und meine Bedürfnisse schaue? Ich glaube, wichtig ist zu differenzieren: Auch Jesus hat auf seine Bedürfnisse geachtet (Rückzug, Zeit zum Gebet…). Trotzdem macht er deutlich, dass die tiefste Erfüllung und damit vielleicht gerade die tiefste Verwirklichung des Selbst als gläubiger Mensch in der frei gewählten Hingabe liegt. Das kann ich sicher nicht jeden Tag leben. Doch ich kenne Momente, in denen ich ganz für andere da war und die ich als zutiefst erfüllend empfunden habe. Und wie ist deine Erfahrung?