Den Glauben vertiefen
VON PROF. DR. GEORG SÜSS-FINK
«Ich glaube nur, was ich sehe.» sagte die junge Biologiestudentin zu einem Chemieprofessor, der zum Empfang der Erstsemester an der Naturwissenschaftlichen Fakultät gekommen war.
«Falsch!» antwortete der Professor. «Was Sie sehen, das brauchen Sie nicht zu glauben; das wissen Sie doch. Glauben heisst etwas für wahr annehmen, was man nicht wissen kann. Der Glaube beginnt erst da, wo das Wissen endet.»
«Dann brauche ich gar keinen Glauben.» entgegnete die Studentin. «Deshalb habe ich mich für ein naturwissenschaftliches Studium entschieden.»
«Vielleicht haben Sie das falsche Fach gewählt, denn als Naturwissenschaftlerin müssen Sie ganz viel glauben.»
«Aber in den Naturwissenschaften ist doch alles nachprüfbar und beweisbar. Wozu dann noch glauben?»
«Sie irren sich. Wenn das so wäre, dann wären Chemie und Physik, Biologie und Geologie nur Sammlungen von Fakten. Jedes Verständnis würde fehlen. In allen Naturwissenschaften und sogar in der Mathematik, der exaktesten aller Wissenschaf-ten, gibt es Grundannahmen, die man schlicht glauben muss.»
«Was für Grundannahmen?»
«Es sind Annahmen, die man nicht beweisen kann, aber auf denen ganze Theo-riegebäude beruhen. Man muss sie einfach glauben, wenn man die Theorien als ver-nünftig ansieht. In den Naturwissenschaften heissen sie nicht Dogmen oder Glau-benssätze wie in der Theologie, sondern Axiome und Hypothesen. Erst durch diese Grundannahmen werden die beobachteten Fakten interpretiert, und erst durch die darauf beruhenden Theorien können wir unsere Beobachtungen verstehen. Erst da-durch wird aus einer Faktensammlung eine Wissenschaft.»
«Und diese Grundannahmen muss man einfach glauben?
«Ja. Der Glaube ist kein unkritisches Relikt aus einer vorwissenschaftlichen Zeit, den man als Aberglauben abtun kann, der Glaube ist ein legitimer Weg unseres Denkens.»
«Ein legitimer Weg unseres Denkens?»
«Der Glaube ist sogar eine wesentliche Kategorie menschlicher Erkenntnis, dort wo unser Wissen endet.»
--- Szenenwechsel ---
«Ich weiss, dass mein Erlöser lebt!» sagte die junge Frau mit leuchtenden Augen nach einer Freilichtmesse mit Papst Benedikt XIV zu einer Nonne, die neben ihr stand, als das Kirchenlied mit eben diesem Text verklungen war.
«Falsch!» sagte die Nonne lächelnd. «Sie glauben es, aber Sie wissen es nicht.»
«Ich bin davon überzeugt!»
«Das ist richtig. Sie glauben an Gott und Sie haben eine Gotteserfahrung gemacht, ausgelöst durch das spirituelle Erlebnis einer Pontifikalmesse in der Gemeinschaft mit Tausenden von Gläubigen. Das hat Ihren Glauben gestärkt und zu Ihrer religiö-sen Überzeugung geführt. Trotzdem ist Ihre Überzeugung noch kein Wissen.»
«Wo ist da der Unterschied?»
«Wenn Sie wüssten, dass es Gott gibt, dann bräuchten Sie nicht zu glauben. Und es gäbe keinen Raum für Zweifel.»
«Darf man denn an Gott zweifeln?»
«Ja. Der Zweifel gehört zum Glauben wie das Salz zur Suppe. Erst durch den Zweifel wird der Glaube geläutert und erst dadurch entsteht eine gefestigte religiöse Überzeugung.»
«Das sagen Sie, eine Nonne?»
«Man wird nicht als Nonne geboren. Und auch als Nonne muss man um den Glauben ringen. Wir glauben, was wir nicht wissen können.»
«Gibt es denn keine Gottesbeweise?»
«Nein, auch wenn manche Theologen von Gottesbeweisen sprechen – der grosse Kirchenlehrer Thomas von Aquin nennt sie richtigerweise nur logische Wege zur Gotteserkenntnis. Denn objektiv beweisen lässt sich Gott nicht, jedenfalls nicht im strengen naturwissenschaftlichen Sinn.»
«Warum?»
«Gott ist absolut und transzendent, er kann nicht wie ein innerweltliches Objekt bewiesen werden. Ein bewiesener Gott wäre ein Gott in der Welt sagt der bekannte Kon-zilstheologe Karl Rahner. Es gibt nur subjektive Gotteserfahrungen, die uns seine Existenz erahnen lassen.»
«Aber wir haben doch gerade gesungen: Ich weiss, dass mein Erlöser lebt.»
«Der Text dieses Kirchenliedes geht auf einen Bibelvers im Buch Hiob zurück (Hiob 19, 25). Dieser Ausruf drückt Hiobs tiefe Überzeugung aus, dass Gott lebt und uns erlösen wird. Dieser Ausruf hätte theologisch richtig mit ich bin überzeugt, dass mein Erlöser lebt übersetzt werden sollen. Solche Ungenauigkeiten können Verwir-rung stiften, aber man soll sie auch nicht überbewerten.»
«Ich bin also überzeugt, dass mein Erlöser lebt, auch wenn ich es nicht weiss.»
«Ja. Eine Überzeugung ist ein starker Glaube. Und der Glaube beginnt da, wo da das Wissen endet. Aber der Glaube ist immer ein Wagnis, das man eingehen muss.»